lizengo –
ein Erfolgsdrama in drei Akten

Über lizengo wurde viel geschrieben. Doch vieles entspricht nicht der Wahrheit, einiges wurde verzerrt und anderes schlicht erfunden. Warum gerade ich über lizengo schreibe?
Ich war der CEO. Ich weiß tatsächlich, was und wie es vorgefallen ist.

Letztendlich:
Im Dezember 2024 wurde das Verfahren der Staatsanwaltschaft gegen mich eingestellt.

Eine persönliche Geschichte über Wachstum, Verantwortung und den Mut, offen mit Fehlern und Herausforderungen umzugehen. Ebenso offen im Internet kommuniziert um mit Vorurteilen und Falschaussagen aufzuräumen.

Zur besseren Übersicht habe ich es in mehrere Akte aufgeteilt.

Tobias M. Zielke lizengo
Akt 1

Anpacken und Aufstieg

Als Chief Sales Officer bei lizengo gestartet, wurde schnell deutlich, dass die Gründer sich selbst als Engpass wahrnahmen.
Nach nur drei Monaten übergaben sie mir daraufhin die alleinige Geschäftsführung.

Ich sah das Potenzial für internationalen Aufbau und die Möglichkeit zu gestalten. Selbstverständlich sagte ich zu.

Bedenken zum Geschäftsmodell lizengos? Keine.

Ein Gutachten einer renommierten Kölner Kanzlei bestätigte die Legalität des Businessmodells und räumte alle Zweifel aus.

Ein kurzer Ausblick: Im weiteren Verlauf traten viele selbsternannte Urheberrechts-Experten auf, die zwar wenig vom Fall verstanden, aber umso mehr Meinungen hatten – gerne online.

Hochrangige Fachleute des Urheberrechts verweigerten, sich mit dem „Fall lizengo“ auseinanderzusetzen. Die Komplexität war größer als in populären YouTube-Diskussionen dargestellt, und man fürchtete um die eigene Reputation.

Zurück zur Arbeit: Mit einem starken ManagementTeam, welches ich noch komplett neu zusammenstellte und rekrutierte und rund 33 engagierten Kolleginnen und Kollegen begannen wir, alle Prozesse zu überprüfen und jeden Stein umzudrehen. Gemeinsam analysierten wir Bedürfnisse, passten Abläufe an, optimierten und gestalteten sie neu.

Die Aufarbeitung der Steuern der vergangenen Jahre beanspruchte viel Zeit und Energie. Als neuer lizengo Geschäftsführer legte ich vor allem Wert auf transparente und saubere Bilanzen. Gleichzeitig erweiterten wir die Absatzkanäle, besonders im B2B und im europäischen Wirtschaftsraum, und entwickelten neue Marketing-Strategien -mit spürbarem Erfolg.

Parallel dazu definierten wir Vision und Mission lizengos.

Das gesamte Team erkannte die Chance, aktiv mitzugestalten, und alle packten tatkräftig mit an. Ja, es gab viele Überstunden zu Anfang.

In allen Abteilungen arbeiteten wir oft am Limit, doch jeder spürte, dass es sich lohnte, jetzt alles zu geben. Dank verbesserter Einstellungsprozesse konnten wir schnell neue Talente gewinnen und die Arbeitsbelastung auf mehr Schultern verteilen.
Die Früchte der Restrukturierung und Professionalisierung waren bereits im ersten Jahr nach meinem Einstieg als Geschäftsführer sichtbar.

Am Jahresende präsentierte ich den lizengo Gesellschaftern unter anderem folgende Ergebnisse:

  • People100 neue Kolleg:innen
  • + 221,4% Umsatz zum Vorjahr
  • + 254,1% EBT zum Vorjahr
  • positiver Bericht nach freiwilliger Prüfung durch eine unabhängige
    Wirtschaftsprüfungsgesellschaft

Das Ende eines grandiosen Jahres mit vielen Entbehrungen, noch mehr Lerninhalten und rasantem Hyperscale-Wachstum.

Akt 2

Krise & Konfrontation

Ende Februar: Ich kam gerade aus dem Urlaub aus Raja Ampat zurück, als sich Corona in Europa rasch ausbreitete.
Vorher noch mehrere Tage ohne Handyempfang – keine Informationen.

Zurück in Köln: Lagebesprechung mit dem Management-Team, sofort alle Mitarbeitenden ins Homeoffice geschickt – innerhalb einer Woche arbeiteten nun über 100 lizengo Kolleg:innen remote. Unser CTO, der Head of IT und das gesamte Team leisteten Herausragendes.

Wir blieben in ständigem Kontakt über Slack und morgendliche Video-Coffee-Sessions. Für die jüngeren Kolleg:innen schrieb ich ein „How-to-Homeoffice“, und unser Personal Trainer bot Online-Sport für alle an.
Monat für Monat wuchsen wir. 

Umsatzsteigerung von 8–10 % pro Monat.

Google stellte uns ein eigenes Beratungsteam zur Seite.

Unser neuer CMO, den ich ins Management-Team holte hatte monatelang daran gearbeitet. Wir waren auf Kurs, die 50 Mio. € Umsatzmarke zu erreichen. Dann kam der Bruch.

Schon früher erreichten uns Schreiben einer Kanzlei, die das US-Unternehmen vertrat. Unsere Anwälte sahen darin juristische Drohkulisse – solange wir uns an das begutachtete Vorgehen hielten, seien wir „safe“.
Als eine Zivilklage eintraf, reagierten wir sofort: Replik, Duplik, alles dokumentiert.

Wir wussten: wir sind auf der sicheren Seite.

Schriftliche Bestätigungen des Rechteinhabers lagen vor – zu Händlern, Produkten, Freischaltungen.

Bis zu jenem Tag im August. Ich war joggen, als ein Nachbar anrief:
Die Kripo stehe vor meinem Haus. Drei Beamte erwarteten mich: Hausdurchsuchung.
Ich durfte nicht telefonieren, keinen Anwalt sprechen. Es laufe eine koordinierte Aktion – auch unsere Firma solle durchsucht werden. Ich bat zu warten, bis eine Kollegin aufschließen konnte, damit die neue Schließanlage nicht zerstört würde.

Der Vorwurf? Strafanzeige wegen Urheberrechtsverletzung.

Ich händigte alle Geräte aus – auch private. In der Firma lief es ähnlich. Mein Verteidiger sprach mit der Staatsanwältin vor Ort. Ergebnis: Das bereits laufende Zivilverfahren wurde ignoriert. Replik, Duplik?

Scheinbar auf einmal nicht mehr relevant…

Zufällig erschienen etliche Berichte am selben Tag in allen großen Tech- und Wirtschaftsportalen.

Koordiniert und öffentlichkeitswirksam inszeniert.
Computerbild, Stern, Focus, ct und etliche Branchenwebseiten.

Das Team war verunsichert.
Wir beruhigten, informierten, sprachen offen – auch mit Kunden.

Wir hatten nichts zu verbergen.

Nach Rücksprache mit den Gesellschaftern gingen wir in die Offensive:
Die Existenz und ein Executive Summary des Gutachtens wurde öffentlich kommuniziert.

Für unsere Reputation. Für etwas Luft. Für den Moment.

Die erste Morddrohung in Tech-Foren, wie „diesen Glatzkopf sollte man am nächsten Baum aufknüpfen“, vergisst man nicht...

Akt 3

Shutdown & Neuanfang

Nun sitze ich in dieser Großkanzlei in Köln mit zig Anwälten. Die Vertreter der Gesellschafter online zugeschaltet.
Wir diskutieren über den letzten Move aus Redmond.
Laienhaft ausgedrückt:
Personen, die uns all die Jahre die Echtheit der Händler, der Produkte und der Freischaltungen bestätigten, hätten dazu nicht die Befugnis gehabt.

Wir drehen und wenden es, und dann hallt das Wort „Abschalten“ in meinen Ohren. Ich sehe mich um, alle nicken. Abschalten? Ja, dringend, sonst gilt ab sofort Vorsatz.

Ich verlasse schockiert die Kanzlei in Köln, setze mich ins Auto.
Noch nie habe ich mir etwas zu Schulden kommen lassen, also fangen wir jetzt nicht damit an.
Ich rufe das Management-Team zusammen. Schockstarre.
Um ca. 15:30 Uhr vermelde ich den Anwälten die Abschaltung aller europäischen Shops und des B2B-Shops.

Inzwischen knapp 130 Mitarbeitende, mit eigenen Schicksalen, Kindern, Verpflichtungen…es zerreißt mich.

Leider darf ich den Menschen, die mit mir dieses tolle Unternehmen aufgebaut haben, gegenüber nicht offen kommunizieren – juristisch verhängter Maulkorb.

Es ist immer noch Corona, die meisten sitzen im Homeoffice, wir veranstalten ein virtuelles Townhall (mitunter die traurigste Komponente).

Zeitnah ziehe ich einen Insolvenzrechtler zu Rate, der umgehend reagiert. Durch das Abschalten der Shops ist das Unternehmen trotz positiver Ergebnisse und Liquidität in einer drohenden Zahlungsunfähigkeit – die einzige Geschäftsgrundlage fehlt.

Im Hintergrund diskutieren wir, ob andere Geschäftsmodelle in einer probaten Zeit umsetzbar sind, ob wir Kolleginnen und Kollegen halten können und wie lange wir mit dem Geld hinkommen.

Etliche Szenarien werden immer wieder durchgespielt. Mehrere Tage. Ohne Erfolg. Es fehlt die Zeit.

Epilog

Was bleibt?

Es ist der 09.12.2024.
Mich erreicht eine Mail meines Verteidigers, die mich nach vier Jahren kalt erwischt: die Einstellung des Strafverfahrens gegen mich.
Nicht, dass ich mit etwas anderem gerechnet hätte, aber der Abschluss der ganzen Thematik erleichtert.

Du bist eine heiße Kartoffel, mit dir will keiner was zu tun haben, so der O-Ton eines Headhunters.

Frequently Asked Questions

Selbstverständlich!
Der Aufbau des Unternehmens, das grandiose Team, das gemeinsame Ziehen am gleichen Strang, die Bewältigung des rasanten Wachstums, das Vertrauen – jederzeit wieder!

Nein, es war nicht abzusehen.
Und durch das umfangreiche Gutachten der renommierten Kanzlei gab es auch keinen Anlass, das Geschäftsmodell anzuzweifeln.

Eine der häufigsten Fragen, ob die Gesellschafter nicht schon wussten, was auf das Unternehmen zukommen und sie nur jemanden brauchten, der vorne den Sturm abfängt.

Realtalk: Ich halte es für müßig, darüber nachzudenken – aus mehreren Gründen.

Ich habe keine Antwort darauf und werde auch keine erhalten.
Ich kann das Ergebnis nicht ändern, und das Wissen darum würde an diesem Ergebnis nichts ändern.

Ich zerbreche mir ungern den Kopf über Dinge, zu denen ich keine Antwort finde.

It is what it is.

Die Staatsanwaltschaft hat entschieden, das Verfahren einzustellen –
und das ist, was für mich zählt und für jeden anderen ebenfalls zählen sollte.

Was bleibt?
Vertrauen ist keine feste Währung. Resilienz jedoch zahlt sich aus.

Ich habe gelernt, dass selbst der freie Fall nicht das Ende ist –
solange man Haltung bewahrt.

Vielen ehemaligen Kolleg:innen bin ich dankbar, die in der Zeit ebenfalls Haltung zeigten und mir den Rücken stärkten.

Ich verfüge heute über mehr Erfahrung, Demut und Klarheit mit als je zuvor
und freue mich auf neue Herausforderungen, bei denen genau das zählt!

Wenn ich nach dieser Zeit einen Wunsch habe, dann den, dass man mir unvoreingenommen gegenübertritt. Das genügt.

Den Rest bringe ich mit – weil mehrfach erfolgreich bewiesen.

Und zum Schluss:
lizengo war eine Erfolgsgeschichte – trotz allem.

Warum ich mich dazu äußere

Ich habe mich bewusst entschieden, meine Sicht auf die Geschehnisse rund um lizengo selbst darzustellen. Mit der offiziellen Einstellung des Verfahrens durch die Staatsanwaltschaft gibt es für mich keinen Grund mehr, weiteren Artikel oder Gerüchten über lizengo oder meiner Person Raum zu geben.

Sollten noch Fragen bestehen, stehe ich unter meinen Kontaktdaten oder via LinkedIn sehr gerne zur Verfügung.